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• Bio (DE/EN)
• About the series „In Natura" (DE/EN)
• About the series „Acts“
• Digital Art - Curator Thomas Weidel (DE/EN)
• Text Curator Marcel Fišer 
• Curator Pavel Vancat about „Acts" Series 

• About the series “White Rooms”  (DE/EN)

Keingedicht - kurze Geschichte der weißen Räume

• About the series “Humanoids”  (DE/EN)

Bio (De / Eng)



In den vergangenen Jahren hat sich Jan Kilian Böttcher in seinem künstlerischen Schaffen intensiv mit Individuen und Zuständen unserer Gesellschaft in ihren Facetten auseinandergesetzt. Seine installative Malerei, Zeichnungen und digitale Kunst reflektieren Themen wie Soziologie, Mythologie, Systemkritik, Aspekte von Status, Arbeit und Freizeit, Freiheit und Macht, unsere temporären Rollen im sich selbst verschlingenden Kapitalismus und darüber hinaus. Sein Duktus: Humor, Selbstironie, Irritation, Wort- und Gedankenspiele, Perspektivwechsel, Beobachtung und Erzählung. Mit Augenzwinkern und Freude am Sehen beleuchtet er oft skurrile und unbefriedigende zwischenmenschlichen Zustände: 'Jeder hat seinen eigenen Blickpunkt. Falls ich Dinge verzerrt darstelle, war vermutlich meine Brille verrutscht.'"


Seine mal minimalistischen mal wimmelartigen Ölgemälde, laden ein den Blick schweifen zu lassen oder weitläufigen Assoziationsketten zu folgen. Die Hintergründe reichen von Landschaften über bewohnte Gebiete bis hin zu unbemalten Leinwänden oder Fundstücken von Ebay. Auf diesen entstehen einzelne Figuren oder dicht-bevölkerte Orte, Spiegelungen und frei interpretierte Räume verschiedenster Lebenswelten.


Jan Kilian Böttcher wurde in Ost-Berlin geboren, damals Hauptstadt der DDR. Als er sechs Jahre alt war, veränderte die deutsche Wiedervereinigung Berlin rasanter als andere Teile der DDR.


„Berlin zog immer Freaks an, nach der Wende so viele, dass es unpassend sein konnte, keiner zu sein. Jede Lücke füllte sich mit Subkultur oder Sonnenstudios, Autohändlern und Müll, tausende knalliger Farben mischten das charakteristische "DDR-Grau" auf. Der Wandel der Berliner, zwischen dem Impuls sich eine alternative Umgebung zu schaffen, sein Selbst in Goa oder Hermsdorf wiederzufinden oder Geld zu verdienen inspiriert mich bis heute. Es war wie ein Zusammenprall diverser Kirchen, von Disco bis Buddhismus, von denen heute teils nur noch die Spendenbox am Eingang übrig ist, ich ging unbeschwert ein und aus.“


„Damals machte ich viel Kunst und Street Art, ich wusste nicht warum Leute dafür freiwillig nochmal zur Schule gingen.

Dann ließ mir die Arbeit als Physiotherapeut keinen Platz mehr und ich entschied mich Kunst zu studieren, um professioneller Musik zu machen. Bald experimentierte ich mit Film, Musik, Malerei, Installation und Schriftstellerei. Nach zwei Jahren dachte ich, wenn ich einige Ziele erreichen möchte, muss ich mich auf eine Disziplin konzentrieren. Ich werde später ein Popstar.


Nachdem Jan als Physiotherapeut arbeitete besuchte er die Bauhaus-Universität in Weimar, bis zum Vordiplom in Freier Kunst und Medien. Das Diplom folgte an der Hochschule für Bildende Kunst Dresden in Malerei & Grafik. Dort folgte ein Meisterschüler-Studium in Räumlicher Gestaltung/Bildhauerei bei Martin Honert. Jan hat Kunstwerke in Institutionen in ganz Deutschland und in Tschechien ausgestellt, darunter: DOX Galery Prag, Kunstgalerie města Pilsen, Kunstmuseum Cheb, Neues Museum Weimar, Albertinum - Kunstmuseum Dresden, Festspielhaus Hellerau und die Akademie der Künste in Berlin. Jan ist auch Kunstdozent an privaten und öffentlichen Schulen.


Text

Julia Cortez




Bio (English/Deutsch)



In recent years, Jan Kilian Böttcher has delved deeply into individuals and conditions within our society, exploring various facets. His installation art, drawings, and digital works reflect on themes such as sociology, mythology, system critique, aspects of status, work and leisure, freedom and power, our temporary roles in the self-consuming capitalism, and beyond. His artistic style includes humor, self-irony, irritation, word and thought plays, perspective shifts, observation, and storytelling. With a playful glance and joy in observation, he sheds light on often bizarre and unsatisfying interpersonal situations: 'Everyone has their own perspective. If I depict things distorted, my glasses have probably slipped.'"


His oil paintings, ranging from minimalistic to bustling, invite the viewer to let their gaze wander or follow extensive chains of associations. The backgrounds span from landscapes and inhabited areas to unpainted canvases or found objects from eBay. On these surfaces, individual figures or densely populated places, reflections, and freely interpreted spaces of various life worlds emerge.


Jan Kilian Böttcher was born in East Berlin, the former capital of the German Democratic Republic (GDR). When he was six years old, German reunification brought about rapid changes to Berlin, surpassing the transformation in other parts of the GDR.


"Berlin always attracted eccentrics, and after the reunification, there were so many that it seemed inappropriate not to be one. Every gap was filled with subculture or by tanning salons, car dealers, and garbage; thousands of bright colors mixed with the characteristic 'GDR gray.' This struggle between the impulse to create an alternative environment, finding oneself in Goa or Hermsdorf, or making money somehow continues to inspire me today. It was like a clash of diverse churches, of which perhaps only the donation box is left today, and carefree, I went in and out."


"At that time, I was heavily involved in art, street art, and music, questioning why people would go back to school for something voluntary. Much later, I decided to study art to become more professional in making music. However, I soon experimented with film, music, painting, installation, and writing. After two years, I realized that to achieve some of my goals, I needed to focus on one discipline. I aspired to be a pop star later."


After working as a physiotherapist, Jan attended Bauhaus University in Weimar, where he earned his undergraduate degree in Free Arts and Media. He completed his studies at the Dresden Academy of Fine Arts with a focus on Painting & Graphics. This was followed by a master's program in Spatial Design & Sculpture. Jan has exhibited his artwork in institutions throughout Germany and the Czech Republic, including DOX Gallery Prague, Art Gallery města Pilsen, Cheb Art Museum, Neues Museum Weimar, Albertinum - Kunstmuseum Dresden, Festspielhaus Hellerau, and the Akademie der Künste in Berlin. Today, he also works as an art lecturer at private and public art schools.



Text

Julia Cortez





In Natura/Zeichnungen



Grautöne gealterter, körniger Schwarzweißfotos, Überbelichtung und die Arten des Herausstellens prägen meine Arbeit. Hier finde ich Verknüpfungen von Abstraktion und Gegenstand.

Die Freiluft-Arbeiten entstehen jedoch immer direkt vor der Natur in Kleinst- bis Großformaten.

Farbe, Form und Bildinhalt begreife ich als Eins: Komposition. 


Ich finde singuläre Formen, Bilder, Stimmungen, Koinzidenzen- oft in Gestalt von Menschen und Orten, Arrangements, die wie gesampelt anmuten, ohne es zu sein. Jene Zufälle fördern immer neue Variationen zu Tage, von denen ich auf dem Weg hin zu für mich gültigen Bildformeln Ausschnitte sichtbar mache.


Ist es die Suche nach dem Essentiellen, die Kunst mit Schönheit verbindet?


Ich fange die Ausschnitte ein wie ich sie vorfinde, ohne sie zu konservieren und verbinde sie mit dem leeren freistehendem Malgrund.

Im Gegensatz zur Fotografie nutze ich Ausschnitte im Ausschnitt.

So lenke ich die Sichtweise über das Motiv hinweg in das weiß bleibende, rahmenlose Umfeld und zurück.


Meine Kompositionen erweitern anhand der Ausschnittsformen das Bildformat, nehmen es auf und modifizieren es. 

Dieses Spiel mit Formaten und Bildausschnitten ermöglicht Konzentration auf das Essentielle.


Ich möchte, dass meine Arbeiten sich (in der Natur) als visuell eigenständige Wesen behaupten wie eine Zelle, semipermeabel: halb durchlässig und in sich geschlossen zugleich.




In Natura/Drawings (English)


Shades of aged, grainy black-and-white photos, overexposure, and modes of highlighting define my work. Here, I find connections between abstraction and object. However, the outdoor works always come into being directly in front of nature in various sizes, from small to large formats. Color, form, and image content are grasped as one: composition.


I discover singular forms, images, moods, coincidences – often in the form of people and places, arrangements that appear sampled without actually being so. These chance occurrences always bring forth new variations, of which I make visible excerpts on the path towards image formulas that hold meaning for me.


Is it the search for the essential that connects art with beauty?


I capture the excerpts as I find them, without preserving them, and connect them with the empty, freestanding painting surface. In contrast to photography, I use excerpts within the excerpt. This way, I direct the view beyond the subject into the white, frameless surroundings and back.


My compositions, through the forms of the excerpts, expand the image format, absorb it, and modify it. This play with formats and image excerpts allows a focus on the essential.


I want my works to assert themselves (in nature) as visually independent entities like a cell, semi-permeable: partially permeable and self-contained simultaneously.





Acts


Die Acts nähern sich dem Ideal der Tragikomödie, die Erzählfäden spannt und verdichtet, bis diese beim Überkreuzen den Betrachter in einem Moment ertappen, in dem er nicht weiß, ob er lacht oder weint.

 

Die Ideen entstehen oft beim Entschlüsseln der Mythen des Alltags zwischen unserer Natur und Kultur. Ich verwerte diese Narrative und Evidenzgefühle, ohne sie zu ernst zu nehmen und auch mit dem Anspruch zu unterhalten. Dabei sehe ich das Narrative in der Kunst nicht als Beschränkung, sondern als Mehrwert.


Ich arbeite mit Archetypen gesellschaftspolitischer, mythologischer, popkultureller und kunstgeschichtlicher Kontexte unserer Geschichte. Dafür nutze ich Gegenüberstellungen und Stile klassischer wie moderner Malerei. Wie im Jazz definiere ich einen festen Rahmen, über den ich frei improvisiere. Den oft detailliert ausgearbeiteten Arrangements steht die freie Entfaltung und das Switchen zwischen den Techniken gegenüber.


Vor allem das komische Moment der Tragikomödie ist mir wichtiger Bestandteil einer vielschichtigen Reflexion.





2016 Kurator Marcel Fišer / Ausstellung Nadosah


Der Rückgriff auf die Malerei der alten Meister hat in der deutschen modernen Kunst eine starke Tradition, die von George Grosz und Otto Dix bis zu den Arbeiten der Leipziger Schule reicht. Diese Linie eines narrativen Realismus, in dem sich die soziale Thematik mit grotesken und fantastischen Elementen verbindet greift Jan Kilian Böttcher auf, indem er die dem Realismus oft eigene Komik und Symbolik freistellt, reflektiert er dessen Geschichte gleichwohl kritisch. 


Die Szenen in seinen Bildern erinnern teils an Rituale, in denen rätselhafte Objekte oder nichtmaterielle Erscheinungen in die moderne Realität eingefügt werden.





2013 Pavel Vancat / Startpointprize / Dox Gallery Prag


The paintings of Jan Kilian Böttcher are a playful attempt at “traditional” images, with an awareness of their own exaggeration and vanity, returning (often as parody) to postwar neo-realism in terms of their ambiguous sense 

of engagement, ironically transplanted into the current situation of post-communist Germany. 

Allusions to classical mythological themes are interspersed with Communist ideology and punk earthiness, 

only to finally reveal the comics-derived basis of the cycle, with the last image hidden behind the heating unit next to the fire extinguisher. It is a painting that possesses a quality of directness, not as an autotelic attempt, 

but as a confident and entertaining narrative.



White Rooms


Die Serie White Rooms besteht aus Arbeiten spontan entstandener figurativer Gegenüberstellungen und Arbeiten, denen weitreichende Recherchen u.a. zu Gesellschaftsstrukturen vorausgehen. Zweitere führen zu exemplarischen Einzelbildern unterschiedlichster Szenarien, die dabei jedoch keinen Anspruch auf Objektivität erheben. 


Wie in der Kunst wo in der Regel etwas aus seinem Kontext genommen und abstrahiert wird, verhält sich Wahrnehmung im Allgemeinen, die jenseits von Objektivität einer ähnlichen (Dys-)Funktionalität unterliegt.


Weiße Räume ermöglichen es, einfach und spielerisch mit Objekt und Subjekt in vielfältigen Codierungen zu verfahren.

Diese Codes können abstrahieren, präzisieren oder relativieren.

Sie fügen sich aus den im Bild nebeneinander gesetzten Objekten zusammen, eine Art von Hieroglyphenschrift.


Statt Deutungshoheit fordere ich Lesearten- und Gewohnheiten in einem Loop zwischen Lesbarkeit und Unlesbarkeit heraus, 

anhand der aus Fragmenten gebildeten Artefakte meiner Vorstudien. Dennoch verfolge ich damit eine Art aufklärerische Idee: mir und dem Betrachter eine Neuordnung der Dinge zu eröffnen.


Ich nutze Aufzählungen, Wiederholungen, Verwechslung und Gegenüberstellungen, Bilderschriften wie Hieroglyphen, Sachbuch- und Comic Illustrationen, klassische und moderne Techniken, Zeichnung und Gebrauchsgraphik.


Die Recherchen konzentrieren sich wiederkehrend auf die Themen: Popkultur, Gesellschaftspolitik, Philosophie, Alltags- /Mythologie, Soziologie, Geschichte von Kunst, Evolution, Lifestyle.





Keingedicht - Ich sage zu mir immer wir (Eine kurze Un-Geschichte weißer Räume)


"In weißen Räumen Gegenstände und Figuren zu platzieren, gleicht dem Moment, in dem ein blinder Passagier andere Passagiere und Gegenstände in der Straßenbahn weiß anstreicht, wodurch diese sich ähnlicher werden."


Nehmen wir an, Sie wären Präsident oder Präsidentin.


Sie sitzen auf dem bequemsten Sessel des Landes, wenn nicht gar der ganzen Welt. (Fühlt sich doch ganz ok. an, oder?) In den letzten 10 Sekunden der Amtszeit möchten wir zufällig ein echt großes Problem endgültig lösen, das außerdem die Probleme unserer Kinder löst. Neben dem bequemsten Sessel wähnen wir uns zufällig ebenfalls im Besitz der besten Minibar des Landes. (Nur eine Info.)


Die zwei Themen, die uns unser Berater oder unsere Beraterin auf den Tisch legt, sind die Watergate-Affäre und die Nipplegate-Affäre (Bei der Nipplegate-Affäre übertrug MTV live, wie Janet Jacksons rechte Brust von Justin Timberlake entblößt wurde. Die Watergate-Affäre war ein Abhörskandal unter Präsident Nixon, an sich nichts Ungewöhnliches und wäre dadurch vermutlich nicht weiter aufgefallen, hätte er sich nicht selbst dabei verwanzt und das Material verschenkt; und hätten seine Ambitionen nicht gegen alle anderen nur denkbaren Nettigkeiten verstoßen).


Welches Thema wählen Sie?


Die Tageszeit und Menge der zur Verfügung stehenden Genussmittel könnten eine Entscheidung beeinflussen. Ist ja auch Stress so ein Job.


Bush und Nixon zum Beispiel waren Alkoholiker oder Alkoholikerinnen (Mehr als die Hälfte der US-Präsidenten litt zufällig unter schwerwiegenden psychischen und physischen Krankheiten oder einer Alkoholsucht, so wie der aktuelle EU-Parlamentspräsident oder die aktuelle EU-Parlamentspräsidentin. Nur eine Info).


Bush überwand die Sucht (etwas später) und trat einer Methodistenkirche bei, spricht eher für Nipple-Problemlösungen.


Wie löst man solche Probleme?


Fragen über Fragen. Denken Sie nur, es gibt viele Menschen, denen die Entscheidung schwerfällt. Natürlich ist das nur ein Fall von vielen, der impliziert, mit der Wirklichkeit etwas zu tun zu haben, was selbstredend nicht der Fall ist, aber darum geht es ja.


In weißen Räumen Gegenstände und Figuren zu platzieren, gleicht dem Moment, in dem ein blinder Passagier andere Passagiere und Gegenstände in der Straßenbahn weiß anstreicht, wodurch diese sich ähnlicher werden.


Das relativiert nicht alles, aber zum Beispiel Hautfarben.


Es gilt historisch als bewiesen, dass sich Politiker und Politikerinnen wesentlich leichter austauschen lassen, wenn man sie zuvor mit weißer Farbe bemalt.


Menschliche Wahrnehmung ist erhaben, sie verschafft jedem Realisten und jeder Realistin Naivität, während das Bewusstsein der eigenen Unkenntnis unheimlich erleichtern kann.

Digital Art


Jan Kilian Böttchers digitale Kunstwerke vereinen bildhafte Beobachtungen und Computerkunst auf überraschende Weise mit der klassischen Kunsttradition. Dabei liegt der Reiz im bis ins Detail erlebten und durchdachten, im Handwerk und Experimentieren, fernab von Copy and Paste oder Künstlicher Intelligenz. Humorvoll und visuell präzise reflektiert er soziale und systemkritische Themen auf eine subtile und dennoch wirkungsvolle Weise. Die fast glamourösen Werke laden dazu ein, ihre facettenreichen Bedeutungen und unser digitales Zeitalter mit einem erfrischenden Blick zu betrachten, während Jan Böttcher Variationen von Ästhetik und menschlichem Verhalten beleuchtet.


Dabei erforscht er verschiedene Medien wie Computerkunst, Malerei, Zeichnung, Musik und Film, hinterfragt diese und erkundet ihre Grenzen, wodurch rätselhafte Situationen und optisch reizvolle Synergien entstehen.


Pixel Art


Inspiriert von der reichen Tradition der Pixel Kunst, die auf eine faszinierende Geschichte zurückblickt, eröffnet Böttcher nicht nur neue Perspektiven, sondern integriert auch sowohl neue moderne als auch altbekannte Archetypen. Die Ursprünge der Pixel Art reichen in die frühe Ära der digitalen Kunst zurück, als begrenzte technologische Ressourcen Künstler dazu zwangen, mit winzigen Bildpunkten (Pixeln) zu arbeiten. Diese technische Herausforderung entwickelte sich zu einem kreativen Ausdrucksmittel, das die Entfaltung eines einzigartigen visuellen Stils förderte.


In einer Zeit, in der Pixel Art nicht nur als technische Notwendigkeit, sondern als kunsthistorisches Erbe betrachtet wird, gelingt es Böttcher, durch seine Werke nicht nur die Tradition zu ehren, sondern auch neue narrative Dimensionen zu erschaffen. Dabei kombiniert er geschickt die Tradition der Pixel Art mit aktuellen Themen.


Diese meisterhafte Verbindung von traditionellen Wurzeln und moderner Ausdrucksform zeugt von einem tiefen Verständnis für die Kunstgeschichte und positioniert Böttcher als digitalen Künstler in einer faszinierenden kreativen Tradition.



Text

Thomas Weidel



Digital Art (English)


Jan Kilian Böttcher's digital artworks skillfully combine visual observations and computer art in a surprising manner with the classical art tradition. The allure lies in the meticulously experienced and thoughtful approach, in craftsmanship and experimentation, far from copy and paste or artificial intelligence. With humor and visual precision, he reflects on social and system-critical themes in a subtle yet impactful way. The almost glamorous works invite viewers to consider their multifaceted meanings and our digital age with a refreshing perspective, as Jan Böttcher illuminates variations of aesthetics and human behaviors.


In doing so, he explores various media such as computer art, painting, drawing, music, and film, questioning them and exploring their limits, giving rise to mysterious situations and visually appealing synergies.


Pixel Art


Inspired by the rich tradition of pixel art, which has a fascinating history, Böttcher not only opens new perspectives but also integrates both new modern and familiar archetypes. The origins of pixel art trace back to the early era of digital art when limited technological resources compelled artists to work with tiny pixels. This technical challenge evolved into a creative means of expression, fostering the development of a unique visual style.


In an era where pixel art is considered not only a technical necessity but also a cultural heritage, Böttcher succeeds in honoring the tradition through his works and creating new narrative dimensions. Skillfully combining the tradition of pixel art with contemporary themes, he navigates through this artistic landscape.


This masterful fusion of traditional roots and modern expression attests to a profound understanding of art history, positioning Böttcher as a digital artist within a captivating creative tradition.



Text

Thomas Weidel

Entstehung Humanoider Freunde


 

Diese Portraits entstehen unterwegs und ohne fotografische Hilfsmittel. Fotografinnen und Fotografen würden fotografische Vorlagen benutzen, doch oft führt die Verwendung zu unabsichtlich sterilen Bildern, Abbilder, die der Vorlage in Genauigkeit, Intensität oder Authentizität nachstehen. Gerhardt Richter hat dies als Stilmittel benutzt und bei wenigen Künstlerinnen und Künstlern um die Jahrhundertwende, wie Edvard Munch, Anders Zorn und Degas, fällt es oft garnicht auf. Im Grunde wurden Bilder schon immer mit Hilfe vieler technischer Hilfsmittel erschaffen. Jedoch bevorzuge ich die direkte Wiedergabe. Dadurch gewinne ich dem Entstehungsprozess mehr Dynamik ab.


Doch beeinflussen Fotografinnen und Fotografen sowie Filmemacherinnen und Filmemacher meine Arbeit, beispielsweise Diane Arbus, Luis Buñuel, August Sander und Muybridge. Technisch-qualitativ minderwertige, alte, schwarz-weiß Fotos wie die von Miroslav Tichý halten für mich die schönsten chemischen Explosionen unter ihren Körnern bereit. Fotografie und Film entstehen aus dem Licht, Malerei mit Materie. Theoretisch ist glücklicherweise möglich, Materie in Licht umzuwandeln, falls die eingesetzte Energie mindestens so groß ist wie die Masse der neuen Teilchen.


Unter Malerinnen und Malern sowie Zeichnerinnen und Zeichnern fällt mir dies vor allem bei Adolph von Menzel auf. Sie schöpfen aus jedem Medium und jeder Technik das absolut Machbare entsprechend ihrer Vision.


Ich bezeichne die neuen Partikel als 'Entstehung Humanoider Freunde' – nachgeahmte menschenähnliche Figuren aus Lehm, neue Freundinnen und Freunde, ähnlich einem Homunkulus. Die persönliche Perspektive ist mir dabei genauso wichtig wie eine außerirdische Sichtweise oder wissenschaftliche Distanz.



Physiognomie

 

Ich glaube pauschal nicht an Physiognomik. (Die Lehre von äußeren Merkmalen und Gesichtszügen auf Charaktereigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale zu schließen.)

Für mich stehen sachliche Aspekte und formelle Lösungen im Vordergrund.

Alterungsprozesse sind gleichermaßen interessant wie plastische Chirurgie.

 

Der Naturforscher Francis Galton, entdeckte 1878 bei einer Studie an bekannten Verbrechern,

bei der er deren Gesichter fototechnisch überlagerte das „gemittelte Gesichter“ attraktiver wirken. 

Kant und Darwin, sahen den Ursprung von Schönheit, ebenfalls im Mittelmaß.

Wohingegen neuere Studien nahelegen das bestimmte Abweichungen vom Mittelmaß die Anziehung verstärken.


Ich sehe das jede noch so grobe oberflächliche Abweichung sich unheimlich schwer wiedergeben lässt, das fasziniert mich nachhaltig.  

 

Jedes Gesicht, jeder Konstitutionstyp spricht eine eigene Formensprache an.

An diese koppel ich den Duktus der Linien und die Ausführung der gesamten Zeichnung.

Daraus entsteht von Blatt zu Blatt ein gleichmäßiger Fächer uneinheitlicher Stile.





The Creation of Humanoid Friends 



These drawings of people are created on the go and without the use of photographic aids. While I would use photographic references, their use often leads to unintentionally sterile images—representations that fall short of the original in terms of accuracy, intensity, or authenticity. Artists like Gerhard Richter have employed this as a stylistic device, and with a few artists around the turn of the century, such as Edvard Munch, Anders Zorn, and Degas, it often goes unnoticed. In essence, images have always been created with the help of various technical tools. However, I prefer direct methods, which infuse the creative process with more dynamism.


Nevertheless, photographers and filmmakers influence my work, such as Diane Arbus, August Sander, and Muybridge. Technically inferior, old, black-and-white photos, like those by Miroslav Tichý, hold the most significant chemical explosions within their grains for me. Photography and film arise from light, while painting involves matter. Theoretically, it is fortunately possible to transform matter into light if the energy used is at least as great as the mass of the new particles.


I refer to the new particles as 'Emergence of Humanoid Companions' – imitated humanoid figures made of clay, new friends, akin to a homunculus. Personal perspective is equally significant to me as an extraterrestrial viewpoint or scientific detachment.



Physiognomy


I do not believe in physiognomy across the board (the practice of deducing character traits and personality features from external features and facial expressions). For me, factual aspects and formal solutions take precedence. Aging processes are just as interesting as plastic surgery.


The naturalist Francis Galton discovered in 1878, during a study on known criminals where he superimposed their faces photographically, that "averaged faces" appeared more attractive. Kant and Darwin also saw the origin of beauty in moderation. In contrast, newer studies suggest that certain deviations from the norm intensify attractiveness.


I gladly let such superficial observations pass when I draw people. I have found that every rough deviation is incredibly challenging to capture, and that fascinates me enduringly.


Each face, each constitutional type speaks its own visual language. I link the style of lines and the execution of the entire drawing to these, resulting in a consistent array of disparate styles from sheet to sheet.




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